REGENSBURG

ANSICHT VON REGENSBURG
"Wahrhafftige Contrafactur des heiligen Römischen Reichs Freistatt Regenspurg mit Irer gelegenheit gegen Mitternacht“ (= Norden)
1589

Holzschnitt auf Büttenpapier, ca. 62 x 220 cm
Wasserzeichen: Wappen mit dem Buchstaben „R“
Aus 18 Holzschnitten in drei Reihen von unterschiedlicher Höhe zusammengesetzt, neben dem Monogramm „FK“ auch die Monogramme „DW“ und „IS“
Hollstein (Kirchmaier), 1; Nagler, Mon. II, Nrn. 1458 (DW), 2203 (FK) und 2228 (FK und DW); Walter L. Strauss, The German Single-Leaf Woodcut 1550-1600, vol. 2, New York 1975, pp. 512-513.

Provenienz:
Franz Ritter von Hauslab, Wien (Lugt 1247)
Fürsten von und zu Liechtenstein, Wien/Vaduz (vgl. Lugt 4398)

Hervorragender und insgesamt sehr gleichmäßiger Abdruck (lediglich links unten etwas weniger tiefschwarz). Abgesehen von wenigen kleinen geschlossenen Risschen und wenigen Braunfleckchen von erstaunlich guter Erhaltung für ein Blatt dieser Größe.

Die großformatige Ansicht zeigt Regensburg vom nördlich der Altstadt gelegenen Dreifaltigkeitsberg aus. Der Blick geht nach Süden und erfasst auch Vororte wie das westlich gelegene Prüfening. Die wichtigsten davon sind ebenso wie die markanten Bauten der Reichsstadt namentlich benannt. Kirchmairs Monumentalholzschnitt zeichnet sich durch eine große Präzision in der topographischen und architektonischen Wiedergabe aus. Darüber hinaus wird anhand zahlreicher Staffagefiguren im Vordergrund auch der Alltag seiner Zeit lebendig. Die Figuren bringen ein erzählerisches Element in die Landschaft. So ist zu sehen wie Flößer auf der Donau Fässer transportieren oder wie ein Hirte seine Schafe weidet. Es wird die Tätigkeit der Landleute gezeigt, die zur Versorgung der Städter notwendig sind. Diese wiederum sind als gravitätische Repräsentanten im Vordergrund platziert. In kleinen Details wie in den Hasen am rechten unteren Bildrand kommt sogar ein gewisser Humor zum Ausdruck.

Eine ganz andere Realitätsebene entfaltet sich demgegenüber im Bereich des Himmels. Wappen (das kaiserliche und das der Stadt Regensburg) und Schrifttafeln mit der Stadtgeschichte in Latein und Deutsch und einem Titel mit genauer Jahresangabe sind mit prächtigen Rollwerkornamenten gerahmt. Selbst die Wolken wirken ornamental. Das kaiserliche Wappen, das die Stadt als freie Reichsstadt ausweist, wird von den Personifikationen Justiz und Religion, das Stadtwappen von Weisheit und Mäßigung flankiert. Der Einbezug von Personifikationen der sieben freien Künste (Grammatica, Retorica, Musica, Astrologica, Dialectica, Arithmetica und Geometrica) weist Regensburg darüber hinaus als Ort der Künste aus.

Seltenheit
Monumentale Graphiken dieser Art haben sich in solcher Vollständigkeit nur in den seltensten Fällen erhalten. Ihre Größe allein machte die Aufbewahrung schwierig; darüber hinaus waren sie anfällig für Beschädigungen. Wurden sie als Wandschmuck benutzt oder immer wieder zum Studium auf Tischen ausgebreitet, waren sie letztendlich dem Verfall preisgegeben. Exemplare, welche die Zeiten überdauert haben, bilden daher die Ausnahme. Einzig früh in adligen Sammlungen archivierte Abdrucke hatten eine bessere Überlebenschance. Die weiter unten erwähnten Ansichten von Florenz und Augsburg sind sogar Unika. Von der Regensburg-Ansicht konnte Hollstein immerhin fünf Exemplare in den Museen von Berlin (2 Exemplare), London, Nürnberg und Wien nachweisen. Dieser kleinen Gruppe kann nun dieses sechste hinzugefügt werden, das seinerseits wenig überraschend aus eben einer solchen alten fürstlichen Sammlung stammt.

Provenienz
Franz Ritter von Hauslab (1798-1883) war österreichischer Feldmarschall-Leutnant und Oberster General der Artillerie. Außerdem war er Tutor bei der Ausbildung Kaiser Franz Josephs. Seine herausragende und überaus qualitätvolle Graphiksammlung erwarb der Fürst von und zu Liechtenstein, aus dessen Sammlung später über die Jahre hinweg Graphiken verkauft und auf den Markt gebracht wurden, so auch der vorliegende Riesenholzschnitt.

Vorgänger
Die Ansicht von Regensburg ist ein kompositer Riesenholzschnitt, das heißt, das Motiv ist aus mehreren Einzelstöcken zusammengesetzt, die jeweils auf eigene Papierbögen gedruckt wurden. Unter den Riesenholzschnitten bilden die Stadtansichten eine eigene Gruppe. Wegen des übergroßen Formats ließen sich viele Details wiedergeben, weshalb derartige Bilder in der Regel an der tatsächlichen Erscheinung orientiert waren. Die Regensburg-Ansicht entstand ungefähr 100 Jahre nach dem ersten erhaltenen Riesenholzschnitt mit der Wiedergabe einer Stadt. Die wichtigsten Beispiele seien hier kurz genannt. Die erste Ansicht ist Teil des 1486 publizierten Buches „Peregrinatio in terram sanctam“ des Mainzer Domdekans Bernhard von Breydenbach mit Illustrationen Erhard Reuwichs, darunter eine Vogelschau-Ansicht Jerusalems und eine Ansicht Venedigs. Wenig später, ca. 1490, schuf Francesco Rosselli einen riesigen Kupferstich mit der Ansicht von Florenz, der aber nur fragmentarisch erhalten ist. Seine Gesamtkomposition ist bekannt, weil er kurz nach 1500 als Holzschnitt kopiert wurde. Die 1493 publizierte „Schedelsche Weltchronik“ enthält zwar keine Riesenholzschnitte, belegt mit den zahlreichen Stadtansichten in Holzschnitttechnik jedoch das Interesse der Zeit an solchen Darstellungen. Die 1500 gedruckte Venedig-Ansicht von Jacopo de’Barbari übertraf dann alles Vorangegangene. Zusammengesetzt hatte sie eine Breite von 3 Metern; erstaunlich war auch die durchgehende Anwendung der Zentralperspektive. Als Herausgeber firmierte der Nürnberger Kaufmann Anton Kolb, der seinerzeit in Venedig lebte. Auch Augsburg wurde in einer vergleichbaren Perspektivansicht festgehalten, die der Goldschmied Jörg Seld gezeichnet und Hans Weiditz geschnitten hatte. Der Himmel wird von monumentalen Wappen beherrscht, was die Bildgestaltung entscheidend bestimmt. Wahrscheinlich zwischen 1530 und 1541 entstanden, gehört die Graphik zu den zahlreichen, oft großformatigen Stadtansichten, die im 16. Jahrhundert realisiert wurden. In ihnen drückt sich das Selbstbewusstsein der Bürger aus. Nunmehr werden verstärkt auch Städte in Nordeuropa dargestellt, etwa in den Niederlanden, Flandern und im deutschen Sprachraum, wie Köln, Bremen, Wismar, Lübeck, Rostock, Stade, Nürnberg, München, Nördlingen, Straßburg, Zürich. Die Liste zeigt, dass es vor allem die großen Handelsstädte waren, die an einer solchen Selbstdarstellung interessiert waren.